Lesestoff: Der Circle

In einer nicht allzufernen Zukunft übernimmt ein Internetkonzern (»Der Circle«) aus der Bay-Area schrittweise die Kontrolle über die gesamte Menschheit.
Dieser Konzern, der wie ein Joint Venture von Google, Facebook, Twitter und Apple daherkommt, ist als Arbeitgeber ungeheuer attraktiv: ein vollausgestatteter Campus mit Fitnessprogramm, eigenen Shops, erstklassiger medizinischer Versorgung und einem perfekten Unterhaltungsprogramm. Als Mae Holland hier einen Job erhält, ist sie nachvollziehbar glücklich und stürzt sich mit vollem Engagement in ihre neue Arbeit.

Dave Eggers beschreibt in seinem Roman den Weg des Unternehmens vom innovativen Technologie-Anbieter quasi zum Staats-Ersatz mit orwellscher Vollüberwachung. Das anfänglich noch spaßige soziale Netzwerk mit »Smiles« und »Frowns« wird zur Zwangsmitgliedschaft für jeden Bürger, allgegenwärtige Kameras überwachen jeden und bereits Säuglinge bekommen einen Tracking-Chip implantiert.

Das Löschen von Informationen – egal wie persönlich oder decouvrierend sie auch sein mögen – gilt bald als moralische Verfehlung. Der völlige Verlust der Privatsphäre zugunsten einer besseren Welt, einer Welt ohne Straftaten, Heimlichtuerei und Unehrlichkeiten wird zu einer quasireligiösen Motivation. Postprivacy in seiner reinsten Form regiert.

Das dystopische Bild, dass Eggers hier zeichnet, erscheint mir plausibel: die teilweise erwartete ständige Erreichbarkeit, Notifikationen auf allen Kanälen und eine zunehmende Transparenz der eigenen Tätigkeiten zeichnen sich bereits heute als Trend ab.

Was mir allerdings nicht plausibel erscheint, ist die Motivation der Handelnden. Der Vorstand vom Circle, die »drei Weisen« verfolgen die Ziele der uneingeschränkten Transparenz, ohne dass ich als Leser deren Beweggründe nachvollziehen oder verstehen kann. Insgesamt erscheint mir das Vorgehen arg überspitzt und konstruiert.
Auch Mae Holland selbst wird – nach einigen »Verfehlungen« – zunehmend selbst besessen von der Idee, dass jeder alles über den anderen wissen sollte. Auch wenn die ständige Nachrichten- und Fragebogenflut sie nachvollziehbar ablenkt, so opfert sie – für mich nicht ausreichend plausibel dargestellt – Freundschaft und Familie über den Handlungsbogen hinweg für die von ihr selbst postulierten Thesen:

  1. Geheimnisse sind Lügen
  2. Teilen ist heilen
  3. Privatsphäre ist Diebstahl

Übrig bleibt eine kamerabestückte Marionette mit Millionen Followern, die von großen Selbstzweifeln sowie dem unbändigen Wunsch, von allen geliebt zu werden, getrieben wird.

Ein interessantes Buch, das sicher in puncto Datenschutz und Privatsphäre den Finger in die Wunde zu legen vermag. Ingesamt vermisse ich allerdings plastischere Charaktere und vor allem einen spannenderen Handlungsbogen.

Mehr Informationen auf der Webseite zum Buch: dercircle.de