Der Leipziger

»Verflixt, ich stehe wahrscheinlich mitten auf dem Radweg«, denke ich, als ein Fremder wenige Zentimeter neben mir sein Fahrrad stoppt.

Vorsichtig löse ich den Blick von meinem Smartphone.

»Du bist hier in Leipzig, das ist der Markt!« Der Fremde breitet ungefragt seinen Arm aus, wie ein Makler, der mir eine Wohnung anpreist. Oder ein Zirkusdirektor, der die nächste Attraktion ankündigt. Ein fragender Blick trifft mich.

»Du guckst doch da gerade auf deinem Telefon, wo du bist, oder?«

Mein Kopfschütteln kommt nur schwach in Bewegung. Der Kopf hinter dem Fahrradlenker fährt ungerührt fort:

»Oder twitterste das gerade? Teilst der ganzen Welt mit, das du hier rumstehst?«

Auch nicht. Die Neugier dieses Fremden wird unangenehm. Ich mustere den Frager: Brille, Wuschelkopf, routinierter Radfahrer mit einer dieser wasserdichten Satteltaschen, zwei Bänder mit Schlüsseln um den Hals.

Okay, welche Optionen habe ich?
Möglichkeit A: kopfschüttelnd weitergehen, etwas von »Verrückten« murmeln, mich affektiert geben. Mich darauf berufen, dass ich den Sachsen gemeinhin und den Leipziger im Speziellen ja schon immer für unbequem gehalten habe.

Andererseits – Möglichkeit B: »Nein, ich suche eine Bank, bei der ich …« — sein Zeigefinger schnellt am ausgestreckten Arm aus und weist quer über den Platz auf eine Filiale der Hypovereinsbank.

»Hm ja, also: ich wollte jetzt gerade auf meinem Telefon gucken, ob ich da gebührenfrei …« – »Cashpool? Ja! Da!!«

Sein Zeigefinger schwebt unverändert in der Luft, als würde die Bankfiliale gegenüber ihn magnetisch anziehen.

Während ich mein Smartphone vorsichtig zurück in meine Hosentasche gleiten lasse, schwingt er sich auf seinen Sattel und radelt quer über den Markt davon.
Ich glaube, wie haben uns nicht verabschiedet.

Er hatte Recht.