Die Watch ist Daimler und Goldkette.

Irgendwann nannte man mich Fanboy. Und wahrscheinlich war ich das auch, so vor zehn Jahren.
Da war Steve, der einen iPod in die Höhe hielt. Ich verfolgte das Event per ruckeligem Livestream in Briefmarkengröße. Und ich wußte, dass ich das Ding wollte.
Teuer war es, ohne Frage. Aber ich wußte, dass ich es brauchte. Meine Musik war digital und das jeweilige Befüllen meines damaligen 32 MB MP3-Players1 war nervig. Alle Songs einfach auf einem Player immer dabei zu haben: das war etwas, mit dem ich sehr, sehr viel anfangen konnte.
Und es war zudem auch noch verlockend, dass es quasi niemanden gab, der den Ur-iPod nutzen konnte, war er doch den hartgesottenen und leidgeprüften Apple-Usern vorbehalten. Und es war nicht einfach, einen zu bekommen! Auch wenn meine Liebste die Anschaffung damals »Du hast also 800 Mark für einen Walkman ausgegeben??« quittierte.

2007 hielt Steve wieder ein Gerät in die Höhe und ich wußte wieder, dass ich es wollte: der iPod der auch telefonierten konnte. Ich wußte, dass ich es brauchte, denn in meiner Tasche wohnten mittlerweile dauerhaft der iPod, ein Palm-PDA und ein Handy. Nebst dazugehörigen Ladegeräten und diversem anderen Zubehör, versteht sich. Ich hatte z. B. einen FM-Transmitter und ein Aufsteck-Micro für meinen iPod. Das alles in ein Gerät zu verwandeln, war ungeheuer attraktiv für mich. Zwar galt es, das schmale Budget eines jungen Vaters und Wohneigentümers zu berücksichtigen, aber das iPhone war echt ein guter Grund. Mit dem iPhone konnte ich mich besser organisieren, mich verbessern.

Aber dann hörte Apple irgendwie auf, mich zu verstehen.

Mit dem iPad, welches Steve 2010 hoch hielt, wurde ich nie richtig warm. Bis heute wünsche ich es mir mit einem richtigen Betriebssystem (Mac OS), nicht mit der Gelddruckmaschine iOS. Natürlich ist das iPad ein Riesenerfolg, aber irgendwie ist es nicht so logisch, so klar und brauchbar für mich geworden. Ich habe einige Anläufe genommen, damit zu arbeiten. Aber ich brauche eine Tastatur, eine die klappert. Zumindest leise. Zum Surfen ist das iPad super. Aber es hat für mich kein Problem gelöst.

Nun, Steve ist Geschichte und Tim lenkt den Laden. Jeder Hans und Franz kennt Apple, und ja: ich vermisse auch das schöne Underdog-Insider-Gefühl. Apple ist nicht mehr inkognito, nicht mehr David oder das kleine gallische Dorf. Apple ist riesig, unvorstellbar reich und fett. Apple ist nicht mehr der Gegenpol. Und wahrscheinlich fehlt mir auch vor allem das: die Möglichkeit, als Konsument von Apple »anders zu sein«.

Nun hält Tim also eine Uhr in die Höhe. Dazu gibt es einen HD-Livestream auf AppleTV & Co. Alle Zeitungen berichten davon und Twitter läuft über.
Und ich denke nur: WTF?

Wofür? Was kann ich damit machen, wie verbessert es mich? Löst es ein Problem, zum Beispiel Stromverbrauch oder Ablenkungen? Nennt mich alt oder blöd. Aber ich brauche das Ding nicht.
Würde ich eine Smartwatch wollen, dann eine schicke Laufuhr. Oder eine Pebble. Alles in meinen Augen viel attraktiver, auch weil ohne iPhone-Zwang. Pebble steht plötzlich sogar wie ein Gegenentwurf zur Apple Watch da. Hurra: ein neuer Underdog!
Die Apple Watch ist garantiert ein haptischer Traum, großartig gearbeitet und liegt wunderbar in der Hand. Das tut ein Daimler auch. Und vermutlich auch ein Porsche.

Die Watch ist Geltungskonsum, ist Daimler, Yacht und Goldkette.
Nichts, was mich inspiriert oder mich verbessert. Schade, eigentlich.
Bleibt mir noch die stille Freude über ein geniales neues MacBook. Computer bauen sie ja zum Glück noch. Da scheint Apple noch zu wissen, was ich brauche. Obwohl … in Gold?!


  1. ein Rio 600, übrigens