Gmail will Herrscher aller meiner Mails werden. Es gibt keine Weiterleitungsfunktion, keine Catch-All-Möglichkeit, um andere Mailboxen einzusammeln und keine POP3/IMAP-Zugänge. Das macht zunächst nicht viel Lust auf Gmail. Verfügt man doch als Netzbürger über eine ganze Reihe von Mail-Adressen, alle sorgsam ineinander verschachtelt und weitergeleitet, spamgefiltert und notified, so dass auch nicht die kleinste Nachricht verloren gehen kann. Zusätzlich dazu noch einen ganzen Satz beruflicher Mail-Adressen, die ebenfalls geschickt arrangiert Parade stehen. Daneben stellt sich nun Googles neuer Maildienst und sagt: »Ich will auch.«. Grund genug, sich einmal anzuschauen, warum man Gmail nutzen sollte.
Die Oberfläche des Webinterfaces kommt – wie man es von Google gewohnt ist, erfreulich schlicht und übersichtlich daher. Nach einigen Klicks merkt man jedoch, dass dies kein gewöhnliches Webmail-Interface ist. Mit Gmail setzt Google ganz eindeutig Maßstäbe für DHTML- und Javascript-Zauberer. Gesprächsverläufe lassen sich – ohne Neuladen der Seite – ausrollen oder komprimieren, Antwort-Felder klappen dezent auf, Optionen lassen sich fließend ein- und ausblenden und sogar ein Kontextmenü für die Rechtschreibprüfung klappt auf – wie von Apple Mail gewohnt. Praktisch und bisher noch nirgendwo entdeckt: Tastatur-Shortcuts: die wichtigsten Befehle, wie z. B. »Compose Mail« lassen sich per Tastendruck, z. B. »C« aufrufen.

Alle vorbenannten Funktionen sind nicht plattformabhängig, sondern funktionieren auf Windows, Linux, oder Mac mit mind. IE 5.5, Mozilla 1.4 oder Netscape 7.1. Obwohl in der Gmail-Hilfe Safari nicht genannt wird, sind alle Funktionen ohne gravierende Fehler mit Safari 1.2 nutzbar, wenn man die Browserwarnung einmalig ignoriert.
Das besondere an Gmail – ist lt. Google – die neuartige Darstellung der Mails nach Gesprächsverläufen, sog. »Threads«. Anwender von Apples Mail 1.3 kennen diese Funktion bereits: zusammengehörige Nachrichten werden komprimiert dargestellt. In Gmail erscheint hinter der Betreffzeile und einem Snippet in Klammern die Anzahl der Nachrichten dieses Threads. Öffnet man einen Thread, lassen sich die einzelnen Nachrichten per Mausklick ausrollen oder komprimiert anzeigen. Der Vorteil von Gmail ggü. Apples Mail ist, dass Gmail Nachrichten aus allen Ordnern, also auch gesendete Nachrichten, in die Übersicht einbezieht, während Apple Mail standardmäßig nur die eingegangen Nachrichten in einem
Thread darstellt.

Gmail verwaltet Mails nur noch in einer rudimentären Ordnerstruktur: »Inbox«, »Starred«, »Sent«,
»All«, »Spam« und »Trash«, neue Ordner kann man nicht anlegen. Möchte man Ordnung in die – immerhin bis zu 1 GByte großes – Mailbox bringen, kann man sog. »Label« anbringen. Der Vorteil dieser Label ist, dass eine Nachricht nicht nur ein Label, sondern mehrere besitzen kann (z. B. »Kunden«, »Elbewerk.com«, »Lustiges«, etc.). Anders als bei Ordnern muss man eine
Mail nicht duplizieren, um sie verschiedenen Kategorien zuzuordnen.
Eine neue Nachricht wird in Gmail – sofern man keine
entsprechenden Filter eingerichtet hat – ganz normal in der Inbox angezeigt. Mittels eines Aktions-Menüs lässt sich diese Mail dann – nach dem Lesen – nicht nur archivieren, sondern auch als Spam markieren, in den Papierkorb verschieben, als Gelesen bzw. Ungelesen markieren und mit einem Sternchen versehen. Letzere Funktion gibt es bei Apple Mail nicht: eine Mail markieren, um sie später leicht wiederzufinden. Gmail bietet dafür einen
kleinen Stern an, den man pro Mail ein- oder ausknipsen kann. Besternte Mails liegen automatisch im Ordner »Starred«. Ist die Inbox leer, erlaubt sich Gmail auf die Google News zu verlinken, falls man nichts anderes zu lesen hat:

Die Nachrichten, die als Spam gemeldet werden, verwendet Google offensichtlich zum Trainieren eines eigenen Spam-Filters. 150 Spam-Mails, die ich zum Testen an dem Gmail-Account geschickt
hatte, wurden nicht als solche erkannt, sondern landeten in der Inbox. Entweder waren meine Mails zu »europäisch« oder der Filter ist noch nicht vollständig implementiert.
Sehr angenehm – wenn auch von Apple Mail bekannt – ist die Auto-Vervollständigen-Funktion in den Adressfeldern beim Verfassen einer neuen Mail. Gmail speichert zudem alle verwendeten
Mailadressen gleich in das Adressbuch ab – das beugt plötzlichem Gedächnisverlust vor.
Fazit: Die Google-Werbe-Bots durchgrasen
die eingegangenen Mails und erstellen ein Kundenprofil des Anwenders. Entsprechende Werbung wird als Text-Block am rechten Rand eingeblendet. Man sollte sich darüber im Klaren sein,
dass bei der Fülle des Speicherplatzes das Kundenprofil u. U. sehr präzise sein kann. Wer sich daran nicht stört und auch nicht in den Klagegesang der Datenschutzbeauftragten einstimmen will, der bekommt mit Gmail einen übersichtlichen Webmail-Dienst. Gmail ist interessant für Anwender, die in vielen Maillisten eingeschrieben sind.
Der scheinbar unbegrenzte Mailspeicherplatz sollte reichen, sämltliche Newsletter der nächsten Jahrzehnte zu archivieren. Mithilfe der Thread-Darstellung ist die Übersichtlichkeit, gerade bei großen Mailverteilern gewährleistet. Dass sich die Mails mit dem gewohnten Google-Syntax durchsuchen lassen, braucht hier wohl nicht erwähnt zu werden. Anwender, die ausschließlich Webmail verwenden, sei Gmail – wenn es dann für den öffentlichen Zugriff freigegeben wird – wärmstens ans Herz gelegt. Die Übersichtlichkeit und die Funktionen, die hier kostenlos geboten werden, bietet manch kommerzieller Mail-Client nicht. Ein Ersatz für meine bisherige Mailadressen wird Gmail aber definitiv nicht sein.