Zugegeben: im Post-Web2.0-Hype erscheint ein Beitrag über ein soziales Netzwerk nach dem Six-Degrees-Prinzip grenzwertig. Allerdings habe ich mich dazu hinreißen lassen, nachdem ich in der Juli-Print-Ausgabe von MacUser den Artikel »profit form social networking« gelesen habe. Neben Xing, MySpace und Konsorten wird dort Facebook vorgestellt und in dem Bericht besonders wegen seiner aufgeräumten Oberfläche und seiner schnell wachsenden Mitgliederzahl empfohlen.
Dann schreiben Wired und TechCrunch von Facebook als der »Plug-n-Play-Plattform« für das Web, vielleicht sogar das »nächste Microsoft«. Webexperten wie Volker Weber und Nico Lumma posten über Facebook. Warum ist Facebook also so interessant?
Es könnte möglicherweise sein, dass ein Teil des Facebook-Rummels mit den Gerüchten um Börsengang oder Verkauf zu tun haben. Dann hätte ich mich jetzt dazu hinreißen lassen, die Popularität weiter zu erhöhen (entsprechende Gewinnbeteiligungen dürfen gerne an mich ausgezahlt werden).
Erstmal ist Facebook die gleiche Soße wie MySpace, StudiVZ, Linkedin und andere. Freunde und Kontakte finden und zusammenklicken. Nicht mehr und nicht weniger. Mit allen Merkwürdigkeiten, die ein solches System anzieht: Kontaktesammler, blöde Anmachen, alte Bekannte und selbsternannte Werbefüchse. Das die Facebook-Seiten eine etwas – naja: sagen wir mal: augenfreundlichere Anmutung haben, als Hauptmitbewerber MySpace, stellt sicher für niemanden einen großen Anreiz dar, sich dort unmittelbar zu registrieren. Dazu kommt, dass gemessen an Xing der Anteil der einheimischen Benutzer noch recht gering ist.
Okay: die Kernfeatures von Facebook sind ganz nett: Fotoalben, Wände zum Vollschreiben, kleine Postings, mobiler Zugang etc. Doch das, was Facebook wirklich interessant macht, das, was es von anderen sozialen Plattformen abhebt, das ist eine völlig neue Form der Personalisierbarkeit. Facebook hat sie im Mai als Facebook/F8 vorgestellt. Was ist Facebook/F8? Nun – eigentlich erstmal nichts anderes, als eine Art Plugin-System. Trotzdem treibt es renommierte Blogger dazu, dies als zukünftiges Betriebssystem des Internet zu bezeichnen, Parallelen zu Microsoft vor 20 Jahren zu ziehen und in überschwängliche Lobhudeleien zu verfallen.
Warum? Ein kurzer Blick in die bunte Welt des Netzes Mitte 2007: Du speicherst Deine Fotos bei flickr oder Picasa, Videos bei YouTube oder Sevenload, Deine Lesezeichen bei del.icio.us, Mr. Wong, Magnolia, (hier die Namen der 100 anderen social bookmarking services einsetzen). Termine und Dates im Google Calender, was Du gerade machst und wo Du gerade steckst, wird getwittert. Ach ja – gebloggt wird auch noch. Problem: wie sendest Du diesen ganzen Live/Life-Stream jetzt konsistent an alle Empfänger? Theoretisch müsste jeder eine Handvoll RSS-Feeds von Dir abbonnieren. Oder du klebst Dein Blog mit einer Ladung lustiger Badges voll. Genau diese Misere greift Facebook auf: mit einer Plug-and-Play-Umgebung. Das Prinzip: schnapp Dir Deine ganzen Online-Anwendungen und steck sie in Dein Facebook-Profil. Möglich machen das Plugins und ein offenes Framework für Entwickler. Die Liste der verfügbaren Applications liest sich bereits jetzt, wie das Who-is-who des Web: Digg, Amazon, LastFM, flickr und sogar MySpace.
Das Ergebniss: über die integrierten Feeds lässt sich jede Deiner Online-Aktivitäten bei den Leuten aus Deinem Netzwerk anzeigen. Die Detailschärfe lässt sich zum Glück einstellen und bestimmte Aktionen lassen sich auch wieder löschen. Neben jeder Menge Spielkram-Plugins (In welcher Stimmung bin ich heute? Wie ist das Wetter in meiner Stadt?) lassen sich auch Werbe-Anzeigen und kleine Shops (der eigene?) in das Profil reinstecken. Facebook verlangt dafür keine Gebühr, obwohl sich so in der Tat Produkte oder Dienste über den Marketplace verkaufen lassen. Hier wird deutlich: Auf Facebook promotet man nicht nur sich selbst – es ist eine echte Option für das Business. Inklusive Online-Terminbuchung für Freelancer.
Fazit: Facebook lohnt sich. Die Integration von kleinen Applikationen macht deutlich, warum Facebook als »WebOS« bezeichnet wird. Wer nach einem guten Sammelplatz für seine Internet-Tools sucht, wird nicht enttäuscht. Was Facebook aufbaut, ist neu; ist mehr als Kontakte sammeln. Facebook ist erwachsen und ausgewogen. Es ist die Version 1.0 der sozialen Netze.
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